Interview Obliveon 01/2004

Klassiche Wave-Bands, gibt es die überhaupt noch? Man muss schon lange überlegen und selbst dann kommt einem mit Ausnahme von Clan of Xymox nur eine Band in den Sinn. In Mitra Medusa Inri. Die Band von Michael Gronau und Holger Meyer, beheimatet nahe Mönchengladbach am Niederrhein, trotzt schon seit Jahren jeden musikalischen Trends und Modeströmungen und verwaltet das Erbe solcher Bands wie Joy Division oder New Order. In Mitra Medusa Inri ist, und das wird bei einem Gespräch mit der Band schnell deutlich, eine Herzensangelegenheit ohne jedwedes kommerzielles oder imagemässiges Kalkül. In Mitra Medusa Inri sind sich selbst über all die Jahre hinweg treu geblieben und auch die erzwungene Auszeit nach einigen besetzungstechnischen Querelen wurden gut kompensiert, wie die Veröffentlichung von „Dreams“ aus dem Jahre 2002 bewies.

Seit einigen Wochen ist nun der Nachfolger „Darkness Between Us“ erhältlich, wo In Mitra Medusa Inri sich musikalisch etwas offener geben, nicht ohne die Melancholie und die den Liedern stets innewohnende Wehmut zu vernachlässigen. Doch haben sich die Hoffnungen, die In Mitra selbst in „Dreams“ als eine Art von Reunion-Album gesetzt haben, erfüllt? Gitarrist Michael Gronau stellt sich unseren Fragen.

>> Uns war das gar nicht so bewusst, dass wir ein Reunion Album gemacht hatten, da wir uns ja in diesem Sinne nie richtig aufgelöst hatten, wie das bei vielen anderen Bands der Fall war. Die Erwartungen und Hoffnungen die wir in das Album gesteckt haben sind in Erfüllung gegangen, wurden sogar noch übertroffen. <<

Zu einer wirklichen Tournee hat es ja leider nicht gereicht, dafür aber zu einer Reihe von Einzelshows, u.a. im Vorprogramm der Crüxshadows in Krefeld. Gab es keine Tourangebote, die ihr hättet wahrnehmen können? >> Nein, ein Tourangebot gab es nicht. So haben wir die Live Gigs wahrgenommen die sich zwischendurch ergeben hatten. Die auch eher zufällig kamen. Mal sehen was in Zukunft passieren wird. Drücke uns mal die Daumen! <<

Wie wichtig ist euch überhaupt der direkte Kontakt zu den Fans und das Gefühl auf der Bühne zu stehen? Verfolgt man eure Homepage und die Übersicht der Anzahl eurer Konzerte, so kann man ja leider nicht von einer übermässigen Live-Präsenz sprechen. >> Wir würden gerne öfter live spielen. Das ist immer wieder ein super Gefühl auf der Bühne zu stehen und den Menschen unsere Stücke zu präsentieren. Vor allen Dingen das direkte Feedback der Zuschauer zu erhalten. Dieses Jahr haben wir ca. zehn Gigs in Planung. Wir werden aber erst darüber reden wenn die Konzerte hundertprozentig stehen. Über „ungelegte Eier“ sollten wir hier aber noch nicht sprechen. <<

Ist diese verhältnismässig geringe Präsenz auch einer der Gründe dafür, dass In Mitra Medua Inri eigentlich immer noch irgendwie als eine Art Geheimtipp gelten? >>Gelten wir als Geheimtipp? Wissen wir gar nicht. Wir mach halt “nur“ unsere Musik. Ob die geringe Livepräsenz ein Grund dafür ist?? Kann sein....aber das wird sich ja hoffentlich alles ändern. <<

„Lebe Deinen Traum – Träume nicht Dein Leben“, so habt Ihr seinerzeit unser vorheriges Interview beendet. Während „Dreams“ sich demnach auch viel mit Träumen und beschäftigt hat, scheint sich euer neues Album „Darkness Between Us“ vielmehr mit zwischenmenschlichen Beziehungen auseinander zu setzen. Entfremdung, Distanz, Unverständnis dem Partner gegenüber ... was hat euch dazu inspiriert, sich mit dem neuen Album diesem Themenkomplex zuzuwenden? >> Uns lag es sehr am Herzen diese genannten Themen musikalisch, sowie textlich umzusetzen. In einem anderen Interview erwähnten wir, das „Darkness Between Us“ unser bisher persönlichstes Album ist. Die Texte beziehen sich auf viele private Dinge die sich seit der Veröffentlichung des letzten Albums zugetragen haben. Dennoch denken wir, dass sich viele Menschen in den Zeilen wiedererkennen können. Inspiriert hat uns in erster Linie das private Umfeld. Jedoch bei einigen Stücken, z.B. „Do You Call That Human“ waren es die weltweiten Geschehen, die uns zu diesem Song veranlassten. Ein weiterer Grund war sicherlich die Vereinsamung und Kommunikationsarmut der Menschen, hervorgerufen durch die verschiedensten technischen Entwicklungen etc. Wir möchten aber gar nicht alle Texte hier im einzelnen erläutern. Jeder sollte sich ein Bild davon machen. <<

Kann man diese Aussage auch auf die Bandgeschichte In Mitra Medusa Inris übertragen, denn der ganz grosse kommerzielle Erfolg ist euch bislang ja leider verwehrt geblieben? >> Meinst du „ Lebe deinen Traum – Träume nicht dein Leben „.. Es liegt bei jeder einzelnen Person selbst das umzusetzen und seine Prioritäten festzulegen. Wir möchten uns nur nicht irgendwann sagen „ Ach, hätte ich doch damals das und das gemacht „. Also das machen - was einen Traum zur Realität werden lassen kann. Das Leben ist viel zu kurz! <<

In wie weit vertreten In Mitra Medusa Inri durch ihre Musik einen moralischen und humanistischen Hintergrund, wie er zum Beispiel bei „Do You Call That Human?“ zum Ausdruck kommt? War diese Fokussierung auf Themenbereiche wie Träume und Zwischenmenschlichkeit, die jeder Hörer für sich nachvollziehen kann, die Hauptantriebskraft für eure künstlerische Arbeit? Fällt es euch leichter konzeptionell zu arbeiten? >> Wir finden die Herausforderung ein Gesamtkonzept zu erschaffen sehr gut. Das ist ein Reiz, der einem keine andere Wahl läßt als sich mit bestimmten Themenkomplexen auseinanderzusetzen. Wir könnten sicherlich auch „normal“ an eine CD herangehen. Aber wir stellen uns immer gerne schwierige Aufgaben. Sonst hätte die CD „Darkness Between Us“ sicherlich auch anders geklungen. Vielleicht, wie viele das erwartet hätten, halt wie „Dreams“. Aber sich wiederholen ist einfach, einen anderen, für uns neuen Weg, zu beschreiten, dagegen wesentlich schwerer. Wir möchten das gar nicht so hochtrabend ausdrücken. Wir denken bzw. hoffen, dass viele Menschen sich mit den genannten Themen auseinandersetzen. Unsere Musik ist nur ein kleiner Beitrag von zwei Menschen wie sie die Welt mit ihren Augen und vor allen Dingen mit ihren Gefühlen wahrnehmen. <<

Ihr habt euch, wie ich finde, auf „Darkness Between Us“ auch musikalisch sehr verändert. Früher war der Vergleich zu Joy Divison oder New Order ja beinahe zwangsläufig, während das neue Album musikalisch viel offener und vielseitiger klingt. Ist dies nur mein subjektiver Eindruck oder habt ihr diese Änderungen bewusst herbeigeführt? >> Im Rahmen des Enstehungspozesses der CD haben sich die verschiedensten Songs herauskristallisiert. Ja, wir geben dir hier vollkommen Recht. Die CD ist vielseitiger, was aber auch zu einigen Problemen geführt hat. Manche haben tatsächlich ein Problem damit, das zum Beispiel Songs wie „Sometimes“ oder „Do You Call That Human“ auf der CD sind. Klar, sie fallen aus dem Rahmen. Als wir im Studio die Songreihenfolge festlegten hielten uns viele für verrückt. Das erste Stück ein Acht-Minuten-Song, das zweite ein leicht technoid angehauchtes Stück und das dritte, „Stars“, wieder anders. Aber gerade das macht den Reiz aus. Einen Gegensatz zu erschaffen und nicht immer das zu machen, was man von einem erwartet. So hatten wir auch gar keine Bedenken Sometimes mit auf die CD zu „packen“. Sogar auf unserer ersten CD gibt es ein reines Elektrostück. Wir machen die Songs so wie sie uns gefallen. Dabei kommen halt die unterschiedlichsten Varianten heraus. Wir wissen auch, dass dadurch der Zugang zu den einzelnen Stücken schwerer ist. Wir glauben, dass man die CD erst durch mehrmaliges Hören begreifen und verstehen kann, was wir damit meinen. <<

War Eure Live-Keyboarderin mit am Songwriting beteiligt? Ist sie überhaupt noch Mitglied bei In Mitra Medusa Inri, denn in den Albumcredits konnte ich sie nirgendwo entdecken? >> Nein. Denise ist unsere Live-Keyboarderin und sie wird auch bei den zukünftigen Livegigs dabei sein. Als Band stehen Holger und ich. Wir werden auch hundertprozentig kein drittes oder viertes Bandmitglied mit aufnehmen. Sie steht aber übrigens bei den Credits. Sie hat den Background Gesang zu „Do You Call That Human“ eingesungen. <<

„Darknes Between Us“ wurde von O. Müller produziert. War diese Zusammenarbeit vielleicht auch einer der Gründe, die zu diesem musikalischen Wandel beigetragen haben? >> Wir haben während der Produktion viel diskutiert um für uns ein optimales Ergebnis zu erzielen. Für beide Seiten war die Zusammenarbeit sehr spannend. Olli war bisher vorwiegend im Elektronikbereich tätig. Und jetzt kommt da so eine Wave Band, die auch noch Gitarren spielt (lacht). Das war eine Herausforderung. Auf jeden Fall hat auch im Studio noch einmal ein kreatives arbeiten an den Songs stattgefunden. Es kamen Tipps vom Olli die wir teilweise angenommen haben, manchmal auch nicht. Es hat auf jeden Fall Spass gemacht. <<

„Darknes Between Us“ beinhaltet zwei Videotracks die, auch wenn sie natürlich Low Budget sind, einen schönen Einblick hinter die Kulissen eurer Konzerte erlauben? Wie seid ihr mit diesen beiden Videotracks zufrieden? Plant ihr diesbezüglich weitere Aktivitäten? >> Auf jeden Fall sind wir damit zufrieden. Mal sehen, vielleicht bei der nächsten CD wieder ein Video oder auch zwei. Immer überraschen lassen! <<

Du, Michael, bist viel in der Szene unterwegs und immer wieder auf Konzerten anzutreffen. Wie siehst Du die Szene und ihre Entwicklung im Laufe der Jahre? Mittlerweile ist die Szene von Electro dominiert und Gitarrenbands treten daher zwangsläufig leider immer mehr in den Hintergrund. Zeichen der Zeit oder eher Diktat der Plattenfirmen, die kaum mehr auf Gitarrenbands setzen? >> Ich finde es schon manchmal schade das sich das so entwickelt hat. Oft kannst du gar nicht mehr sagen welche Band da gerade aus den Boxen „knallt“, da sich wirklich vieles gleich anhört. Ich finde es gut wie div Bands live versuchen auch den menschlichen Faktor wieder mit ins Spiel zu bringen. Diary of Dreams, Crüxshadows etc., die ja live mit Gitarre spielen. Ich brauche, wenn ich eine Band live sehe, Aktivität auf der Bühne. Zumindest das Gefühl, dass ein oder zwei Personen noch wirklich Live spielen. Ich war z.B. enttäuscht von Covenant. Zwei Keyboarder, die teilweise gar nicht gespielt haben. So habe ich es empfunden. Klar, die haben coole Stücke, aber das war mir zu wenig. Wir würden zum Beispiel super gerne mit Drummer, einem zweiten Gitarristen, Bassisten etc. spielen wollen, aber das lässt sich zur Zeit leider nicht umsetzen. Um noch mal auf die Elektro- bzw. Gitarrenbands sprechen zu kommen: Ich denke, dass Qualität sich durchsetzt. Vor allen sollte man sich treu bleiben und seinen eigenen Style machen und nicht kopieren, um nur schnellstmöglich bekannt zu werden. Schau die Lacrimosa an oder Sopor Aeternus an. Die ziehen ihr Ding durch. Und ich hoffe, irgendwann wird auch wieder Zeit für Nicht- Elektro Musik kommen. <<

Wie nimmst Du die Szene und die Szenegänger an sich wahr? Hat sich die Szene auch hier verändert? Ist die Szene gewachsen und mit ihr auch das Akzeptanz- und Toleranzverhalten der Fans? >> Ja, würde ich auf jeden Fall sagen, dass sich die Szene verändert hat. Ich denke zum einen das sie gewachsen ist. Andererseits hat sie sich meiner Meinung nach ein Stück von den Wurzeln entfernt. In meisten Clubs beherrscht der Elektrosound die Tanzflächen. Teilweise geht das ja schon Richtung Techno. Da stellt sich einem die Frage wo das noch hingehen soll. Wir hielten uns früher oft in einem kleinen Club in der Nähe von Moers auf (EXX / Aratta). Irgendwie war das ein ganz anderes Gefühl das wir hatten, wenn wir dort waren, entweder zu Konzerten oder ganz normal am Wochenende. Das war halt noch richtig Club-Feeling. Also keine Massenveranstaltung. Aber es ist so, die Zeiten ändern sich und was soll man alten Zeiten nachtrauern. Es liegt ja an einem selbst was er daraus macht. <<

Ihr habt im letzten Jahr auch in England gespielt. Wie waren die Reaktionen und die Akzeptanz des Publikums auf In Mitra Medusa Inri? Wenn man sich mit englischen Bands über die britische Szene unterhält, dann scheint diese im Niedergang begriffen, sowohl was das Potential an Bands wie auch die Szene an sich angeht. Könnt ihr diesen Eindruck teilen? >> Wir sind super angekommen in UK. Das war klasse. Das Publikum ist super. Sehr offen und freundlich. Nach den Gigs haben wir uns viel unterhalten mit Leuten aus dem Publikum. Das war absolut angenehm. Wir spielten ja unter anderem auf einem Festival, und am zweiten Tag hatten wir einen Einzelgig in Birmingham. Bei unserem Auftritt dort wollten die uns nachher gar nicht mehr von der Bühne lassen. Fast das gesamte Publikum tanzte. Wir waren total überrascht. Wir hatten auf jeden Fall nicht das Gefühl, dass die Szene im Niedergang begriffen sei. Ganz im Gegenteil. Aber wir haben ja auch nicht viele Vergleichsmöglichkeiten. <<

Gibt es bereits Pläne für Live-Auftritte, eine Tournee oder Auftritte auf den Sommerfestivals? >> Wie bereits erwähnt. Pläne gibt es. Wir hoffen das diese alles umzusetzen sind. Wenn wir Bestätigungen erhalten haben, werden wir uns melden. Aber wie gesagt, wir warten erst, bis alles in trockenen Tüchern ist. <<

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